04 Sich ein Bild machen

Von nun an brachte mich Mutter einmal in der Woche zu Frau Dr. Braun. Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute offener in diesem Raum umzusehen. Es faszinierte mich, als ich feststellte, dass sich hier nichts veränderte. Die Zeit schien still zu stehen. Alles befand sich am gleichen Platz, wie ich es verlassen hatte.
Auch die Anordnung der Bücher. Mittlerweile konnte ich Titel für Titel der Reihe nach aufzählen.

Die Spiele, Puppen und Stofftiere lagen oder standen wie die Wochen davor.
„Spiel mit mir!“, forderten sie mich auf und reckten sich mir entgegen.
Die Malstifte rot, gelb, blau steckten in denselben Bechern, alle bereit und gespitzt. Sie zogen mich magisch an und flüsterten ununterbrochen:
 „Nimm mich, zauber mir eine Geschichte.“
Das Papier in weiß, cremeweiß und schneeweiß lag verführerisch wie ein Fächer ausgebreitet vor mir. Die leeren Blätter summten flatternd und knisternd:
 „Füll mich, füll mich, bring mich in allen Farben zum Leuchten.“

Und Frau Dr. Braun? Sah sie, hörte sie das auch? Sie trug nach wie vor braun, nichts als braun und ein geheimnissvolles, wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Konnte es sein, dass ich gar nicht jede Woche hierher kam, sondern das alles träumte? Langsam bekam ich Lust zu träumen. Außerdem hielt sie ihr Wort. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Reden wollte ich nicht. Also schwiegen wir. Gemeinsam. Wir alle hier in diesem verwunschenen Zimmer. Die Luft flirrte. Mein ständig präsentes Summen im Kopf verstummte. Ich schaute direkt in Frau Dr. Brauns Gesicht. Sie nickte. Ich griff zu.

Einen besonders glänzenden Bogen zog ich aus dem Stapel heraus. Kühl wie die Seide der Unterröcke meiner Mutter fühlte es sich an, als ich es glattstrich. Die weichen Spitzen der Stifte rutschten und flogen darüber hinweg und hinterließen lebendige Farben in grün, rot, gelb und blau. Viel blau. Und zum Schluss braun. Dick und kräftig. Außen herum und mittendrin wie ein Kreuz. Mit meinem Zeigefinger verwischte ich die Ränder der Farben. Alles floss ineinander.
Ich hielt das Blatt ein Stück von mir weg. Es fehlte etwas. Ich brauchte schwarz. Ein wenig, nur einen kleinen Tupfer.

Dr. Braun saß schweigend dabei. Als ich die bemalte Seite an mich drückte, zog sie wortlos eine Schublade heraus, entnahm ihr eine große Mappe mit einem kleinem Schloss vorne dran. Auf das Etikett schrieb sie meinen Namen und hielt mir die geöffnete Mappe hin.
„Magst du dein Bild hier hinein tun? Ich bewahre es für dich auf.“ Ein letztes Mal schaute ich auf die Wiesen mit den bunten Blumen, die wie Konfetti verstreut umher lagen. Hier lugten ein paar Hasenohren aus dem Grün hervor, dort schlich eine getigerte Katze und drüben bellte ein Hund.
Am blauen Himmel klebte die Sonne, die mich anlächelte und an Frau Dr. Braun erinnerte. Das Bild war umrundet vom braunen Rahmen mit dem Fensterkreuz in der Mitte. Auf ihm saß von innen hinter der Scheibe ein kleiner, unscheinbarer, schwarzer Vogel.
Wenn ich ein Vöglein wäre, summte es leise.

Ich gab ihr das Bild. Mit einem Klick schnappte das Schloss zu. Den Schlüssel zog sie ab, fädelte ihn auf eine Lederschnur, deren Ende sie fest verknotete und mir reichte.
Eifrig nahm ich die Lederschnur an mich, hing sie um meinen Hals und versteckte sie unterm Pulli. Der kühle, kleine Schlüssel daran erwärmte sich schnell auf meiner Haut.

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