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Sonntag, 5. Juni 2016

00 Prolog


Wenn ich ein Vöglein wäre, würde ich Dinge sehen, die ich nicht sehen kann. Ich könnte den Wind zwischen meinen Federn spüren, elegant in den Wolken schweben, Melodien zwitschern, wundervolle Welten entdecken oder fliegen, fliegen, fliegen...
Irgendwann würde ich mir einen Ort suchen, mich ins sanfte Gras gleiten lassen, mir ein einladendes Gehölz mit schützendem Bewuchs suchen, mich niederlassen um ein Nest zu bauen. Wenn ich es will. Oder weiter fliegen.

Ich bin kein Vogel, ich bin sein Gegenüber und stehe hier, mitten im Wald. Tief verankert, geben mir meine Wurzeln Halt. Aus dem Erdreich ziehe ich meine Energie. Das Federvieh in seiner ganzen Vielfalt spürt das und landet gerne in meinen weiten Verzweigungen. Luftig aus der Höhe kommen sie, wippen vergnügt auf und nieder, knüpfen Kontakte, trällern vergnügt und bringen ein Stück Leben von der weiten Welt mit. Seltener kommen welche heran stolziert. Ich denke da an den albernen Gockel und den eitlen Pfau. Ich muss nicht jedermanns Freund sein. Ein kurzes Rascheln mit meinem Kleid genügt und sie huschen davon.

In jungen Jahren suchten meine Nähe eher Gesellen wie Bachstelze, Steinschmätzer, Feldlerche, Goldammer, Wiesenpieper oder diese Hänflinge. Lästig fand ich die Klappergrasmücken. Lustig und lebensfroh waren sie alle miteinander, wie Rotkehlchen und Spatz. Viel Spaß hatten wir zusammen. Eines hatten alle diese jungen, flatterhaften Möchtegern Herrn der Lüfte gemeinsam: sie wollten vögeln. Viele habe ich in hohem Bogen unter lautem Protest davongejagt.

Bewundert aus der Ferne habe ich lange den wunderschönen Fischreiher. Elegant und selbstbewusst kommt er des Weges. Eine tolle Ausstrahlung hat er. Mir wurde nach einer Weile klar, dass er ein Kranich ist. Die wissen einfach nicht was sie wollen. Ziehen hierhin, ziehen dorthin und nirgends sind sie zuhause. Oder der kräftige, wunderschöne Adler, der seine Freiheit zu fliegen genießt. Freiheit bedeutet ihm viel. Seine Vielseitigkeit und seine innere Stärke habe ich bewundert, wenn er flog. Gelandet ist er nie bei mir.

Einige Blätterwechsel später kamen die an Nestbau Interessierten zu mir. Ich hatte eine beträchtliche Höhe und die Reife dazu erreicht und das, was ich zu bieten hatte, ließ sich sehen. Ich bin eine anpassungsfähige und gesunde Kiefer. Warum nicht zulassen, dass sich jemand bei mir einnistet?

Zunächst klopfte der Specht an. Ein passabler Handwerker, der sogleich seinen Werkzeugkoffer auspackte. Den ganzen Tag das Gehämmere? Das ging mir durch Harz und Wurzeln und verletzte meine empfindsame Rinde. Außerdem soll der Nachwuchs Nesthocker sein. Und wer will sich über lange Zeit blockieren?

Ein Tauberich gurrte sich heran. Schön und nicht abgehoben. Das wundersame, rein weiße Gefieder passte zu ihm. Gerne verkündete, säuselte und girrte er sinnreiche Sprüche. Zu selten waren wir einer Meinung und meine Belange stießen auf Taubheit. Da half auch die Liebe und Verbundenheit nicht.

Dann lieber Meister Amsel mit seinem schwarzen Gefieder, einem braunen Blick und solidem Wesen. Und der vor mir hatte nicht einen besonderen Dialekt, sondern war ein stattliches Exemplar. Hätte ich besser hin geschaut. Ein Nichtsnutz war er, der seine Brut woanders deponierte. Zum Kuckuck!
Was war ich sauer. In saurem Boden kann ich überleben oder wie jetzt, in die Jahre gekommen, in leicht kalkigem. Liebes- und Wassermangel konnte ich wegstecken. Beschissen haben mich einige. Und ich habe geblutet. Getröstet hat mich der Uhu. Er ist heute noch mein bester Freund.

Viele harte Jahreszeiten liegen hinter mir. Um mich herum ist es licht geworden. Die einen in meiner Nachbarschaft sind verheizt worden, andere haben sich zum Hampelmann machen lassen. Einen hat der Blitz getroffen, manche sind abgestorben. Verluste, Fremdkörper und andere Parasiten haben meine Kraft geschwächt. Teile meiner Äste habe ich absterben lassen und abgeworfen, um zu überleben. Heute bin ich nicht mehr astrein und mein Stamm ist um einiges breiter. Mein Anblick war einmal schöner. Das hat seine Vorteile: Ich muss nicht mehr viel Vogelvieh abschütteln.

Seit kurzem tauchen zwei Vögel bei mir auf. Einer eher unscheinbar und verdeckt im Gebüsch. Sein Antlitz bekomme ich nicht zu sehen, trotzdem kommt er mir bekannt und vertraut vor. Der andere ist ein Papagei. Was hat diesen Paradiesvogel hierhin verschlagen? Aus einer fernen Welt kommt er und spricht in fremder Sprache. Denke ich an ihn, kommen mir Piraten in den Sinn. Wo mag er herkommen, der Exot? Amazonas, Brasilien, Rio …? Er bringt mein Harz zum Fließen bis in die tiefste Wurzelspitze. Wenn er auf mir landet, wird mir anders. Mein Kieferduft betört ihn, an meinen Zapfen knabbert er. Er lockt mit der Fremde, weckt Sehnsucht in mir, lädt mich ein ihm zu folgen. Eine neue Welt entdecken? Ich blicke auf meine Wurzeln, die verlässlichen, die mich stützen und halten. Wie soll das gehen? Ich bin hier verankert. Weg von hier? Weg von meinem Leben?
Da hebt das bunte Gefieder ab. Wie ein Regenbogen umfließt er mich. Es entsteht eine Bö, ein Wind, nein ein Sturm, ein Sog. Das Erdreich gibt nach. Meine gekrümmten Wurzeln bewegen sich, lockern sich, strecken sich. Aus Lehm wird Sand. Treibsand. Er rieselt durch meine Wurzeln. Hilfe, ich verliere meinen Halt. Ich verliere den Boden unter den Füßen. Ich schlage mit meinen Ästen wie mit Flügeln. Der kleine graue Vogel ruft: Bleib! Der Uhu schweigt. Da hebe ich ab. Gewinne Höhe. Amazonas, Rio, Brasilien… Ich komme.

Wenn ich ein Vöglein wär‘, würde ich fliegen, fliegen, fliegen.

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