Biergarten G'Spusi

Der Wastlhuber wohnt mit seinem Kumpel Axel in einer WG mitten in der Südstadt. Die liegt zwischen Rednitz und Pegnitz, zwischen Erlangen und Nürnberg, also in Fürth.
Beide mögen das weibliche Geschlecht. Das ist ihnen allerdings vor einiger Zeit abhandengekommen. Axels Frau ist mit Sack und Pack ausgezogen. Übrig blieb nix als Leere und hallende Räume.
Dann sind sie sich begegnet. Sie können sich von Anfang an gut riechen. Nach zwei, drei Treffs fragt Axel ihn, ob er bei ihm einziehen wolle. Darüber braucht er gar nicht nachzudenken, haust er doch in einer ziemlich schäbigen, kargen wie kalten Unterkunft. Vergitterte Monotonie.

Das WG-Leben klappt prima, sogar auf Arbeit teilen sie sich ein Büro. Vorher war der Herr Wastlhuber arbeitslos und musste immer alleine rumhängen. Dass sein Kumpel hier und da den Chef raushängen lässt, stört ihn aber nicht. Den Part überlässt er ihm gerne, wenn er meint.

Ihr Highlight des Tages, auch in Sachen Mädels abchecken, beginnt nach Dienstschluss. Kein lauer Abend, kein Wochenende ohne einen Abstecher zum Lieblingsbiergarten mit Kicker drinnen und herrlichem schattigem Garten draußen. Hier bedienen flotte, junge Leute. Auch eine Augenweide. Eine der Kellnerinnen nennt ihn leger „Wastl“ und stellt ihm ungefragt ein Wasser und ein Schnitzel hin. Das ist ein Service. Während er das eine unverzüglich verschlingt und das andere genüsslich schlürft, scannt sein Kumpel derweil über seinen Bierschaum hinweg die weiblichen Gäste ab. Er schafft es auch jedes Mal, dass sich eine zu ihnen gesellt. Da ihre Geschmäcker diesbezüglich völlig unterschiedlich sind, kommen sie sich nie in die Quere.
Schaut sein Kumpel ihn mit diesem Blick „du störst“ an, verdrückt sich Herr Wastlhuber freiwillig in den hinteren Teil des Biergartens. Direkt an der Mauer steht eine große, alte Kastanie, die ein wenig das Getümmel abschirmt. Da sitzt er dann einfach still und stumm da. Die Blätter rascheln sanft und lassen nicht so viel Sonne durch. Die ganze Woche im stickigen Büro zwischen Tätigkeit und Untätigkeit erschöpft ihn. Er ist halt eher der Typ für draußen an der frischen Luft. Aber den Arbeitsplatz kann man sich heutzutage nicht aussuchen.

An einem Freitag sitzt der Wastlhuber wieder an seinem Stammplatz und sinniert durch den alten Kastanienbaum nach oben. Weiß und blau wie der Himmel und weiß und blau wie die Servietten auf dem Tisch. Tief schnauft er durch und beobachtet seinen Kumpel beim Anbaggern einer Neuen. An der ist fast nichts echt. Von der Farbe im Gesicht, über die Haare bis zu den Nägeln. Letztere extrem lang. Schon die Vorstellung sich von so einer anfassen zu lassen. Er muss sich kurz schütteln. Außerdem scheint sie schlecht bei Kasse zu sein. Sein Kumpel lässt sich ihre Brotzeit und die Maß auf seinen Bierdeckel schreiben. Das macht er sonst nie. Und ihr Rock, sparsam kurz, den hätte sie gleich weglassen können. Seinen Kumpel scheint das nicht zu stören. Er nimmt sie sogar mit nach Hause. Herr Wastlhuber verzieht sich schnurstracks und beschäftigt sich mit sich selbst. Er kann prima abschalten.

Am nächsten Tag hocken Axel und Miss Sparrock wieder zusammen bei Bier und Radler und schlecken sich ab. Na ja, wie der Abend enden wird, ist überschaubar.
Der Wastlhuber macht es sich auf seiner Lieblingsbierbank bequem und träumt vor sich hin ohne Gefühlsduselei. Plötzlich registriert er einen Schatten, der über ihn huscht. Ein zartes Wesen schwebt auf leisen Sohlen die paar Stufen zum hinteren Teil des Biergartens hinunter. Kommt auf ihn zu. Ein dunkler, südländischer Typ ist sie mit langem, seidigem Haarkleid. Ohne inne zu halten, wirft sie ihm einen verschleierten Blick aus großen, grünen Augen zu. Ganz kurz. Dann hebt sie ihren Kopf und schreitet an ihm vorbei, als sei er Luft. Fast hätte er sich verschluckt. Er springt auf, dass die Bierbank wackelt, lugt um den Baum herum, aber sie ist bereits verschwunden.
Erschöpft lässt er sich wieder fallen. Die nette Kellnerin, die immer Wastl zu ihm sagt, hat sie wohl beobachtet.
„Das ist Habibi. Sie konnte aus dem Süden gerettet werden. Sie wohnt jetzt bei uns.“ Ungefragt stellt sie ihm ein weiteres Schnitzel hin. Vom Süden in die Südstadt, wenn das kein Omen ist. Er kann nur nicken und vergisst glatt zu essen, zumindest für einen kleinen Moment.

Am Folgetag gibt es eine Überraschung. Axels Rockflamme ist nicht alleine gekommen.
„Ihre Mitbewohnerin“, flüstert er dem Wastlhuber zu und besteht darauf, dass er sich zu ihnen setzt. Höflich, mit einem gewissen Abstand, platziert er sich neben seinem Kumpel. Schließlich weiß er, was sich gehört.

Susi heißt die aufgeschneckte Mitbewohnerin und ist auch sonst der gleiche Typ wie ihre Kumpanin. Ponyfransen, die die Augen verdecken und zu allem Überfluss eine alberne Schleife auf dem Kopf, die wohl den Haarwust zusammenhalten soll. Ihre Nägel sind auch zu lang. Beide Mädels verbreiten Düfte, die den Wastlhuber schwindlig machen, aber nicht so wie sie es gerne hätten.
Da findet ein echt betörendes Aroma den Weg in seine Nase. Aus den Augenwinkeln erkennt er Habibi ein paar Reihen weiter hinten alleine in der Sonne sitzen. Ihre exotische Erscheinung hebt sich von der Form des bayerischen Rautenmusters der Tischdecke ab. Noch nicht einmal das kann sie entzaubern. Ganz entspannt sitzt sie da. Ihre Augen lasziv halb geöffnet und doch spürt der Wastlhuber, dass sie zu ihm herüberlugt. Susi folgt seinem Blick.
„Noch so eine. Die hat hier nichts zu suchen“, schnappt sie mit fistelnder Stimme.
„Sie ist aus dem Süden.“ Als würde die Aussage Habibis Andersartigkeit erklären.
Sparrock und Susi drehen ihr demonstrativ den Rücken zu und werfen die Haare synchron nach hinten. Ohne einen Ton von sich zu geben, streckt der Wastlhuber sich kurz, steht grußlos auf und eilt geschwind zu seinem Stammplatz ins hintere Eck des Biergartens.
„Herr Wastlhuber!“, ruft sein Kumpel hinter ihm her. So nennt er ihn nur, wenn er richtig sauer ist. Ihm doch egal, er hätte ja auch mal was sagen können, statt seiner Dame andauernd auf den nicht vorhandenen Rock zu glotzen.

In der Männer-WG hängt der Haussegen etwas schief. Anscheinend hat’s mit der Kurzrockfrau nicht geklappt. Axel verweigert den Biergarten und verbringt die Abende vor der Glotze, während sich Wastlhuber rausschleicht und alleine loszieht. Na, wohin wohl? Da braucht man nicht lange herumraten.

Ein paar Tage später hört der Wastlhuber am frühen Morgen seinen Kumpel wie gewohnt rumoren. Schlafzimmertüre, Bad, Küche, Kaffeemaschine. Es dauert nicht mehr lange, bis er ins Wohnzimmer kommt. Nun ist der Wastlhuber doch ganz schön nervös. Was wird er wohl sagen, wenn er sie beide hier sieht? Er kuschelt sich noch ein wenig enger an Habibi und bekommt als Reaktion ein wohliges Schnurren tief aus ihrer Kehle.
So im Halbdunkeln sind sie beide kaum voneinander zu unterscheiden. Er, fast ganz schwarz mit ein paar hellen Stellen auf der Brust und sie dunkelbraun mit helleren Streifen, die ihre stromlinienförmige, zarte Gestalt noch mehr unterstreichen und betonen.

Axel betritt das Wohnzimmer und lässt seinen Blick über die Kissen schweifen. Dann entdeckt er sie beide. Perplex starrt er von ihr zu ihm, wie sie verkeilt beieinander liegen. Seinem Kumpel verschlägt es schier die Sprache. Vorsichtig wedelt Herr Wastlhuber mit seinem buschigen Schwanz, schenkt ihm seinen unwiderstehlichsten Dackelblick aus treuen, braunen Augen. Habibi drückt sich fester an ihn. Sprungbereit sie, kampfbereit er. Wenn‘s sein muss, lässt er den Wolf aus sich raus.
Axel kommt langsam näher, geht in die Knie.
„Wer bist du denn?“ fragt er nach wie vor verdutzt und schüttelt ungläubig den Kopf. Langsam hebt er seine Rechte und hält sie Habibi hin. Vorsichtig macht sie einen langen Hals, schnuppert kurz und zieht sich schnell wieder zurück.
„Wastl, Wastl, nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass du auf Katzen stehst“ und krault ihn hinter den Schlappohren. „Da haste dir 'ne entzückende Mieze im Biergarten angelacht“, ergänzt er und tätschelt seinen Kopf. Erleichtert schleckt der Wastlhuber ihm über die Hand.
Als sein Kumpel in die Küche geht und zwei Näpfe Futter fertig macht, weiß der Wastlhuber, dass seine Habibi auch hier einziehen darf. Jetzt fehlt nur noch eine passende Frau für seinen Kumpel. Sie werden im Biergarten schauen, da findet sich schon was.

© Frau Gunkelberg 16/01

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